Sonntag, 28. Juni 2009

Das Internet - Spiegel der Gesellschaft

Es gibt einen chinesischen Fluch, der da lautet "Mögest Du in interessanten Zeiten leben". Nun klingt dieser Satz zunächst nicht besonders schlimm, das perfide daran offenbart sich erst bei näherem hinsehen. Langweilige Zeiten bedeuten Sicherheit, Stabilität und ein Leben ohne große Änderungen. Interessante Zeiten dagegen, nun ja, ...

Nun bin ich der Meinung, bereits seit längerem in interessanten Zeiten zu leben. So hat man sich zwar mittlerweile an das Schreckgespenst des islamischen Terrorsuizidbombers im Lieblingscafe seiner Wahl gewöhnt (VW macht bereits seit längerem Werbung damit), doch schafft es die Politik stets, mit immer neuen Schreckensszenarien aufzuwarten, auf dass dem Bürger ja nicht langweilig werde.

Aktueller Geniestreich ist die Debatte und Gesetzgebung um das ach so böse Internet und was man darin alles finden kann. Dass unsere Politiker den Zugang zum Netz überhaupt gefunden haben, ist dabei schon ein Wunder, und darf noch bei so manchem bezweifelt werden. Demzufolge geht es in dieser Debatte auch nicht um die wirklichen Gefahren des Internets, also den gläsernen Benutzer, die bedrohte Unabhängigkeit des Netzes und fehlende mediale Kompetenz seitens einiger Nutzerschichten. Vielmehr dreht sich die gesamte Diskussion darum, wie man gesellschaftliche Probleme übertünchen kann. Sie ganz zu beheben, oder auch nur ansatzweise anzugehen wäre ja auch zuviel verlangt.

Das zeigt leider, wie wenig die Bedeutung des Netzes verstanden wird. Das "Böse" entsteht ja nicht erst im Netz, sondern es wird von Menschen dort hineingetragen und darüber verbreitet. Dadurch wirkt das Internet wie ein Spiegel, der uns die Probleme unserer Gesellschaft aufzeigt, die sonst nicht sichtbar sind, sei es, weil man im realen Leben lieber wegsieht, oder sich diese Dinge im Verbogenen abspielen (zumeist aber sowohl als auch).

Unabhängig von der Debatte um Zensur und Kinderpornografie, um vermeintliche rechtsfreie Räume (die Musikindustrie hat diese Behauptung ja schon längst durch ihre Aktionen wiederlegt) und der Einschränkung der Bürgerrechte möchte ich an dieser Stelle daher einen etwas anderen Aspekt beleuchten:

Wenn Sie morgens in den Spiegel sehen, und dort unerwünschterweise eine neue Falte entdecken, wie ist ihre Reaktion? Denken Sie darüber nach, ob Sie den Alterungsprozess vielleicht mit gesünderer Ernährung, mehr Sport oder diversen Tinkturen und Salben aufhalten können, also indem Sie mehr auf sich achten? Oder laufen Sie einfach los, holen sich etwas Klebeband und kleben damit die entsprechende Stelle im Spiegel ab?

Klingt abwegig, nicht wahr? Weshalb wenden wir aber dann genau dieses Verfahrens im Internet an? Denn eines sollte klar sein: Im Internet gibt es nicht nur Illegales und Schmuddelkram. Das Netz zeigt auch das Potential, das in uns steckt. Es wäre doch Schade, wenn uns der Blick darauf vor lauter Klebestreifen verloren ginge.